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Modedesignstudentin und Bloggerin Mareike Flügge gehört zur jungen Curvy Generation. Modeweisheiten wie „Schwarz macht schlank und weit kaschiert.“ sind für sie kein Thema mehr. Lass dich von ihrer tollen Einstellung zur Frage „Was bedeutet Schönheit für dich?“ anstecken.

Auf einem Plus Size Event in Hamburg 2017 war uns Mareike durch ihre auffällige, modische Erscheinung aufgefallen. Sie trug riesige rote Ohrringe, ein cooles Shirt mit der Aufschrift „Fat Bitch“ und wir wussten sofort, diese Frau müssen wir uns einmal genauer anschauen. Die 22-jährige ist auf Instagram sehr präsent und zeigt Modetricks und richtig schöne, teils auch recht gewagte, Make ups. Mit kessen Statements appelliert sie an ihre Follower, selbstbewusst zu sein und den eigenen Körper so zu respektieren wie er ist. Eine tolle Person! Lest hier unser Interview mit Mareike:

In einer internationalen Studie wurden Frauen gefragt, ob sie sich selbst für schön halten. 51% antworteten mit Ja. 49% mit Nein.* Was sagst du zu diesem Ergebnis und wie würdest du antworten?

Ich persönlich hätte auf die Frage mit JA geantwortet. Ich finde mich schön, so wie ich bin, denn mich macht viel so viel mehr aus, als nur mein Äußeres.

Ich finde es erschreckend, wie viele Frauen mit Nein geantwortet haben. Diese Meinung wird ja durch die Mode- und Beautybranche, sowie die Medien und auch die Männerwelt geprägt, und ich finde es traurig, dass uns Frauen vorgeschrieben wird, dass nur eine bestimmte Konfektionsgröße schön ist und akzeptiert wird. Groß, super schlank, lange Wallemähne – dieses Frauenbild strahlt uns überall entgegen: auf Plakaten, im Fernsehen, in Zeitschriften. Es gibt gar kein Entkommen. Kein Wunder, dass viele Frauen, die nicht diesem Schema entsprechen, sich selbst als unschön empfinden. Aber das muss geändert werden! Die „normale Frau“ sollte in die Öffentlichkeit treten. 5 oder 10 Kilo mehr, 10 cm kleiner, ein fescher Kurzhaarschnitt – auch das sind wir Frauen und auch das ist schön. Würde es mehr dicke Frauen als Leitbilder geben, würden sich viel mehr Frauen selbst akzeptieren.

*Internationale Studie aus dem Jahr 2015 des Elektronikkonzerns Philips. Befragt wurden 9.136 Frauen ab dem Alter von 18 Jahren aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Polen, Russland, China, Japan, Südkorea und Indien.

Was bedeutet Schönheit für dich?

Schönheit ist für mich zweierlei: einerseits das, was man mit dem Auge sieht und andererseits das, was dem Auge verborgen bleibt. Schön ist nicht nur wer schön aussieht, sondern auch wer ein schönes Herz hat. Ich habe schon viele bildschöne Frauen kennengelernt, doch manche haben, das muss ich leider sagen, etwas an Schönheit eingebüßt, als sie den Mund aufmachten. Das gilt natürlich auch für Männer. Wer eitel, selbstverliebt und humorlos ist, büßt unglaublich an Schönheit ein. Schönheit hat für mich ganz viele Gesichter. Schön sind Menschen, die viel und gerne lachen. Menschen, die nett zu anderen sind, auch mal helfen und nicht nur sich selbst sehen.

 

Selbstbewusstsein wird oft als ein Aspekt von Schönheit genannt. Wie hast du es geschafft, ein starkes Selbstbewusstsein zu bekommen?

Ich glaube, meine Mama hat einen ganz großen Teil dazu beigetragen. Ich habe schon immer angezogen, was mir gefallen hat, auch wenn es nicht „vorteilhaft“ war und Mama hat mich machen lassen. Sie hat zu mir gestanden und mich verteidigt, wenn jemand was Blödes gesagt hat. Wenn man Menschen um sich hat, die zu einem stehen und einen so lieben wie man ist, dann ist das ein großes Geschenk und stärkt das eigene Selbstbewusstsein.

Gab oder gibt es Momente in deinem Leben, in denen du dich nicht schön und selbstbewusst fühlst? Wie gehst du damit um?

Die gab es früher öfter, inzwischen aber nur noch sehr, sehr selten. Wenn ich früher ein etwas gewagtes Outfit anhatte, dachte ich immer, dass die Leute mich anstarren und denken: „Oh Gott, wie kann die mit dieser Figur nur so rumlaufen! Das sieht ja unmöglich aus!“ Das Selbstbewusstsein ist dann natürlich erstmal weg. Aber dann habe ich angefangen, mir vorzustellen, die denken das gar nicht, sondern eher: „Boah Hammer, Hut ab! Sieht klasse aus! Ich würde das auch gerne so tragen, aber ich trau mich nicht.“ Seit ich so denke, fühle ich mich besser.

Vielen Menschen fällt es schwer, den eigenen Körper zu lieben und sich selbst als schön zu empfinden. Was rätst du Ihnen?

Ich denke, man muss nicht jedes einzelne Detail an sich vollends gut finden, aber man sollte sich als Gesamtpaket lieben. Ich mag zum Beispiel meine Oberarme nicht. Warum soll ich mich aber deshalb insgesamt nicht schön finden? Man kann mit dem beginnen, was man gut an sich findet: das Gesicht, die Haare, die Beine, das Lachen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Wie wäre denn das Leben, wenn alles perfekt wäre? Und wie wäre es, wenn alle gleich aussehen würden? Öde!!!

Hast du konkrete Vorbilder in Bezug auf Schönheit und Selbstbewusstsein?

Mein Spirit Animal ist und bleibt Model-Ikone Tess Holliday. Tess ist eine bildschöne Frau. An ihr sieht man zum Beispiel, dass sich  Körperfülle und Schönheit nicht automatisch ausschließen. Und ihre selbstbewusste Art mit der sie über Selbstliebe und Selbstakzeptanz spricht, sind ein Segen für jede Frau, die an sich zweifelt. Außerdem bete ich die amerikanische R&B- und Pop-Sängerin Rihanna an. Sie gehört für mich zu den schönsten Frauen überhaupt. Auch ihr Selbstbewusstsein und ihr modisches Auftreten sind zum Niederknien.

Geht die junge Curvy Generation mit den Themen Schönheit und Selbstbewusstsein heute anders um als ältere kurvige Frauen?

Auf jeden Fall! Das sehe ich ja täglich bei mir und meiner Mama. Ich trage bunt, ich trage weiße Jeans und enge Oberteile. Meine Mama dagegen trägt nichts Körperbetontes, Hosen nur mit ausgestelltem Bein, nichts Farbiges, eher nur dunkle Töne. Das Mantra „Weit kaschiert und Schwarz macht schlank.“ hält sich hartnäckig in den Köpfen der älteren, kurvigen Generation. Aber wo bleibt da der Spaß? Wir haben heute in der Mode viel mehr Möglichkeiten als früher! Und die jüngere Generation ist auf jeden Fall gegenüber Modetrends deutlich offener und mutiger. Das hängt auch damit zusammen, dass die sozialen Netzwerke wie Instagram und Co sehr viel Positives in Bezug auf Selbstbewusstsein, Selbstliebe und vor allem Akzeptanz von Menschen mit Plus Size beitragen.

Was muss sich in der  Modebranche ändern, damit sich Plus Size Frauen schöner und selbstbewusster fühlen?

Für uns Frauen jenseits der Konfektionsgröße 44/46 gibt es noch immer viel zu wenig Auswahl im Vergleich zu den „normalen“ Größen. Während der Fashion Week in Berlin hatte ich die Gelegenheit, mich beim Fashion Lunch der Zeitschrift „Jolie“ zu diesem Thema mit einigen Modeexpertinnen auszutauschen. Im Gespräch ging es auch darum, wie unfair und eingeschränkt der Markt für große Größen, vor allem auch bei Designermode, noch immer ist. Warum haben Plus Size-Kundinnen keinen Zugriff auf die großen Designer wie Gucci und Co? Wer schöne und hochwertige Kleidung kaufen möchte, dem sollte der Zugang nur wegen seiner Konfektionsgröße nicht verwehrt werden.

Tatsächlich kamen während des Fashion-Lunch einige PR Leute von Modefirmen, die keine großen Größen im Angebot haben, auf mich zu und fragten mich, ob ich sie kennen würde. Die meisten kannte ich nicht, weil sie für mich eben nicht relevant sind. Selbstkritisch wurde auch festgestellt, dass die ‚Standard Größen‘ ein totales Überangebot an Mode haben, wohingegen den großen Größen nicht mal ein Drittel dessen zur Verfügung steht. Eine Größe 36 kann überall einkaufen gehen und wird immer fündig, aber eine Größe 52 hat es da echt schwer. Mir sagten wirklich auch einige Firmenvertreter, dass sie überlegen, größere Größen mit ins Sortiment aufzunehmen. Ob dem so ist? Bleibt abzuwarten.

Ich als Plus Size Trägerin möchte jedenfalls persönlich etwas tun, damit sich in der Modebranche etwas ändert. Darum habe ich angefangen, Modedesign zu studieren und stecke momentan mitten in den ersten Prüfungen. Meine Mission ist: Schönes Design für richtig tolle Mode in wirklich großen Größen. Es wird echt Zeit, dass sich etwas ändert!

Mehr von Mareike gibts hier
https://www.instagram.com/maikmoritz/